Seltsame Zusammenhänge


Photo by Dimitri Houtteman on Unsplash

Eine kleine Biene schaut sich neugierig um. Die Sommerluft ist leicht und die frühe Sonne schon angenehm warm. Nun ob die kleine Biene das genauso fühlt kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Überall duftet es von den farbenfrohen Blüten, deren Kelche sich bereitwillig den begehrten wärmenden Sonnenstrahlen entgegenstrecken. Eine kaum wahrnehmbare Brise lässt sie leicht schwanken. Die Biene nähert sich einer blassen violetten Blüte. Falls sie die Blüte berührt, bleibt das für mich unbemerkt.  

Tief ziehe ich die Morgenluft ein. Sie riecht sommerlich; voller Aromen der Blumen, die sich zahlreich zwischen das bereits hochgewachsene Gras mischen. Der Himmel, wässrig blau, saugt allmählich die nächtliche Feuchtigkeit auf. Weitere Bienen summen vergnügt über das scheinbar gerade entdeckte Paradies. Von Zeit zu Zeit tauchen sie ab in einer der einladenden bunten Kelche, um den begehrten Nektar zu ernten. Auch ich nutze gern die Morgenstunden für meine Arbeit. Doch wie so oft ertappe ich mich in meinem Tagtraum oder wie gerade jetzt beim Beobachten einer faszinierenden Welt, die so natürlich um mich existiert und doch kaum entfernter und befremdender sein könnte als die meine. 

In meiner Vorstellung tauche ich in die Welt der einen Biene, die ich zuvor mit meinen Augen verfolgt hatte. Ich frage mich, welche Freude sie am Leben hat. Empfindet sie Freude? Wird sie nach einem anstrengendem Tag nach Hause zurückfliegen und von ihren Erlebnissen berichten? Eine kleine Schleierwolke hat sich vor die Sonne geschoben. Die Wiese scheint mir mit einem Mal weniger verzaubernd. Ein perfekter Moment, mich den wichtigen Dingen zu widmen. Ich, unfähig mich aufzuraffen, verharre in meinem Universum. Nur noch ein paar Minuten.

Die Realität holt mich ein, als es neben mir zu vibrieren beginnt. Das Geräusch erinnert an das Schnarchen eines Bettgefährten, vielleicht etwas rhythmischer. Dennoch erzeugt es in mir den Drang, die Störung so schnell wie möglich abzustellen. Lustlos starre ich auf das Telefon, das neben der Tasse mit meinem bestimmt nur noch lukwarmen Kaffee summend um meine Aufmerksamkeit wirbt. Das hat es bereits, stelle ich traurig fest. Gerade habe ich noch vom Lebensalltag einer Biene geträumt, den frischen Tag mit meiner Nase beschnuppert und die Schönheit meines wilden Gartens bewundert, für den ich mir schon viel zu lang keine Zeit mehr genommen habe. Dennoch schafft so ein mickriges Retortenergebnis des technischen Fortschritts mich binnen weniger, wahrscheinlich Millisekunden, in meinen Alltag zurück zu katapultieren, um mich dort mit seinen Sorgen zu belästigen. Und obwohl ich nicht einmal im entferntesten bereit bin, diesem nach Aufmerksamkeit suchenden Gerät nachzugeben, hat das Display mir längst verraten, wer hinter all dieser Quälerei steckt. Ungewollt hat mich dieses Ding und seine Effizienz zurück in eine Gegenwart geholt hat, der ich in den letzten Monaten so verzweifelt versucht habe zu entfliehen. 

Die Wiese hat den Glanz bereits verloren. Verzweifelt suche ich nach der Biene, sie scheint weiter gezogen zu sein, wie die anderen. Die Luft, jetzt frischer, lässt Grashalme sanft von einer zu anderen Seite wiegen. Es ist windiger als zuvor, stelle ich nüchtern fest. Fette und ein paar dunkle Wolken verdecken mehr und mehr die Sonne. 

Mein liederlicher Garten starrt mich vorwurfsvoll an. Ich brauche Pflege flüstert er mir ins Gewissen. Plötzlich sehe ich den Löwenzahn der sich bereits überall machtvoll in Szene gesetzt hat. Mir wird übel und ein wenig schwindelig. 

Das Brummen auf dem Tisch neben mir verstummt augenblicklich und mir wird klar, dass ich das Unausweichliche nicht länger vermeiden werden kann. Ich suche nach der matten violetten Blüte, die sich zuvor so erhaben der Sonne entgegengestreckt hat und dabei sich der  der Biene hingab, ihr alles bot, was sie zu geben hatte. Noch immer wiegt sie im Wind, genauso erhaben und einzigartig schön wie zuvor.

Entschlossen nehme ich mein Telefon und drücke die Rückruftaste. Es ist Zeit für mich, Verantwortung zu übernehmen, diesesmal einzig und allein für mich selbst.

Eine heftige Brise zerrt plötzlich an meinem Haaren. Fett quellt sich der nun dunkle Himmel über mir. Eine Gänsehaut zeigt sich auf meinen nackten Armen. Der erste Rufton. Noch ist Zeit, wieder aufzulegen.  Doch ich bleibe, mit dem unhandlichen flachen Gerät an mein Ohr gepresst, sitzen und lausche dem zweiten Ton, der sich urplötzlich, als käme er unerwartet, in meiner Hörmuschel ausbreitet. “Ich hätte die Kopfhören anstecken sollen”, fluche ich in Gedanken als es über mir kracht. Drohend dunkel braust der böiger Wind über mir. Lang würde es nicht mehr dauern bis sich der prall gefüllte Himmel über mir ergießen würde. Doch ich wollte nicht wieder hinein, hinein in das Chaos, das mich nur wieder in die Abgründe einer ausweglosen Spirale ziehen würde. Ich wollte stark sein, dem innerem Drang trotzen, der sich mir zuckersüß und wohlwollend aufzudrängen versucht. Ein weiterer Rufton erreicht mein Bewusstsein; ist es nun das dritte oder schon das vierte. Ich weiß es nicht. Nervös zwicke ich erst an meiner Oberlippe und beginne dann an meiner Nagelhaut zu beißen. Vielleicht sollte ich doch einfach alles vergessen. Ich schlinge meinen freien Arm um meinen Körper. Ein dicker Tropfer prallt vor mir auf den Boden. Es ist soweit. 

Photo by Tolga Ahmetler on Unsplash

“Katharina?”, höre ich plötzlich meinen Namen, genau in dem Moment als die dunkle Bedrohung auf mich niederzuprasseln beginnt. Das viel zu kurze Vordach meiner Veranda erlaubt mir kaum einen trockenen Fleck. Ich presse mich an die Wand. Nur nicht hineingehen. Der unausweichliche Blick auf die Couch, die sich mir so sehnsüchtig entgegenstrecken würde; das dreckige Geschirr, das sich seit Wochen unangetastet beinahe zu einem Kunstwerk stapelt und aus seiner Position mir vorwurfsvoll allen Mut nehmen würde; und das erdrückende Gefühl der Machtlosigkeit, das der Anblick meines chaotischen Haushalts bei mir auslösen würde; all das würde mir den Mut nehmen. Also presse ich mich nur noch enger an die Wand, während sich die Welt, begleitet von ein paar heftigen Donnerschlägen und furchteinflösenden Blitzen, vor mir ergießt. 

“Hallo Mama”, antworte ich leise. Der Anfang ist gemacht. Irgendwo am kaum auszumachenden Horizont rückt eine hellere Front vor. 

“Schön, dass du endlich zurückrufst. Ich hab mir Sorgen gemacht. Wie geht es dir?” Die Fürsorge in der Stimme meine Mutter streichelt meine Seele. Ich atme tief durch. Es könnte so einfach sein. Doch leider ist es das nicht. Das Schlucken fällt schwer. Ich muss es ihr sagen. 

“Wie geht es dir?”, frage ich anstatt. 

“Wie immer. Du weißt schon, die Arbeit und so. Bei mir gibt es nichts Neues.” Eigentlich möchte ich, dass sie mich bemuttert, mich fragt, was mit mir los ist. Doch ich habe meine Chance verpasst. Sie hat gefragt, doch ich habe die Frage ignoriert. Das Licht ist verschwunden.  Über mir tobt das Gewitter mindestens so stark wie  es in mir drinnen tobt. Ich wage einen Blick über meine Schulter in mein Wohnzimmer. Die Couch scheint zu sagen: Komm nur zu mir, ich halte dich. Ich schlucke und höre ich mich sagen: “Mir geht es nicht gut, Mama.” Ich warte nicht, ich will den Mut nutzen, der ohne mein Zutun gerade nach vorne prescht. 

“Er hat mich verlassen, vor acht Wochen. Ich habe keine Lust mehr zum Leben. Ich fühle mich leer. Ich kann an nichts anderes mehr denken. Noch nie habe ich mich so allein und einsam gefühlt.” Ich spürte den Scham in mein Gesicht kriechen. 

“Ich habe wirklich geglaubt, er würde mich lieben. Es kam so plötzlich. Ich vermisse ihn, sein Lachen, seine Ideen, einfach alles. Ich kann nicht schlafen und wach bin ich zu nichts zu gebrauchen. Ich habe keine Lust etwas zu tun. Am liebsten möchte ich mich verstecken, für immer.” Meine trockenen Augen starren auf den einzigen Lichtblick im Himmel. Er schaut aus als hätte er den Gewitterhimmel durchbrochen. Ich hole tief Luft und der Anblick beginnt zu verschwimmen. Meine Augen füllen sich mit den ersten Tränen seit Wochen. 

“Katharina, bist du noch da?”  

Ich mache mich schniefend bemerkbar. Zu gern würde ich jetzt in die Arme meiner Mutter verkriechen und mich an ihrem warmen Körper pressen. 

Es ist still am anderen Ende. Lautlos bahnen sich die Tränen über meine Wangen. Es kitzelt leicht. Es beruhigt mich, dass sie einfach da ist, mich nicht drängt oder gar mit guten Ratschlägen aufwartet. 

“Ich fühle mich so dumm”, sage ich. 

Die sicher liebevolle Antwort, die lediglich als unklares dumpfes Brummen bei mir ankommt, bleibt mir verborgen. Viel mehr drohe ich in einen Strudel der Selbstanklage zu fallen. 

“Ich habe ihm nicht genug gezeigt, wie sehr ich ihn liebe. Vielleicht hätte ich mich noch besser bemühen sollen. Weniger Arbeiten vielleicht?” 

Der Moment, den ich brauchte um Luft zu holen gibt meiner Mutter Gelegenheit einzugreifen. Ich höre, ohne etwas zu verstehen. Ihre Stimme ist wunderbar weich und zieht mich in sich hinein. Sie wirkt entspannend und gibt mir das Gefühl von Geborgenheit, das nur eine Mutter geben kann. Ich suhle mich in den sanften Tönen. Sie reichten mir als Trost für die Qualen der letzten Wochen. Inzwischen hat sich die Sonne ein Stück Freiheit zurückerobert und während ich mit geschlossenen Augen dem süßen Gesäusel lausche, trocken ihre Strahlen meine feuchten Wangen. 

“… akzeptieren…”, ist das einzige ihrer Worte, das wie ein Schrei pochend in meinem Hirn ankommt. Ein kämpferischer Widerstand baut sich in mir auf. Mein Herz schlägt hart gegen das Innere meiner Brust. Ich erschrecke als ein unerwarteter Donnerschlag urplötzlich über mir zerbricht. Kommt das Gewitter zurück? Nervös schaue ich nach oben. Es ist noch nicht vorbei. 

Die Stimme meiner Mutter arbeitet sich langsam wieder in mein Bewusstsein vor. Bohrend bilden die Töne sich zu Wörtern und schließlich erfasse ich ganze Sätze. Noch machen sie wenig Sinn. Doch sie nagen an dem Trotz, der sich mir als Schutz aufgebaut hat. Ich spüre das Verständnis, die Liebe, die Umarmung, das für-mich-dasein und die Geduld meiner Mutter. 

Photo by Will Bolding on Unsplash

Ein kleiner Vogel, vielleicht ein Spatz, sonnt sich auf dem Gartenzaun. Die Sonne wird wieder stärker stelle ich fest. Ich lächele in mich hinein und ohne nur ein Wort verstanden zu haben, posaune ich voller Kraft in das Mikrofon: “Ich glaube, du hast recht. Ich muss akzeptieren, dass er wohl nicht der Richtige für mich war. Danke, Mama.”

Nach dem Telefonat drehe ich mich um, schaue ich in mein Wohnzimmer. Dieses Mal ohne Grauen. Ich gehe entschlossen hinein. Es macht mir Spaß, meine Welt wieder in Ordnung zu bringen. Es fühlt sich gut an, den Dingen den richtigen Platz zu weisen. Während ich geschwind meine Wohnung auf Vordermann bringe, wundere ich mich kaum darüber, dass es im Grunde nicht die Worte selbst waren, sondern die Liebe, mit der sie gesprochen wurden. 

(c)Sandy Seeber im März 2014 veröffentlicht im März 2021

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