Auf der Suche nach dem Glück


Malahide Castle Garten – Foto: Sandy Seeber, 2020

Wie sie da steht auf der großen Bühne voller Erwartung. Der tiefe Wunsch nach dem lang ersehnten Durchbruch, endlich begriffen zu werden. Gehört zu werden. Sie lauscht ihrem Atem als sie die Luft tief in sich hineinzieht. Wie frisch sie sich in ihrer Nase anfühlt. Nimmt wahr wie sich ihre Lungen ganz unten füllen, den Bauch wölben, ihre Schulter sich heben. Sie möchte die Luft behalten. Sie gibt ihr Kraft, schenkt ihr etwas von der Außenwelt. Etwas, dass sie behalten darf, weil es frei ist. Ihre Muskeln spannen sich. Ihr Körper wird steif. Sie muss ausatmen. Jetzt! Sie darf es nicht verpatzen. Nicht schon wieder vergessen, endlich für sich selbst dazusein. Langsam lässt sie die Luft entweichen. Sie wünscht sich, dass der alte Schmerz mit ihr geht, mit dieser verbrauchten Luft. Doch er ist stur. Er will sich nicht einfach mal so in die Welt auskehren lassen. Was sollte er da auch, er hätte dort keine Kraft. Genausowenig wie sie, solange sie ihn für sich behält.

Dabei fühlte er sich wohl bei ihr. Sie sorgte sich selig um den gewohnten Begleiter, nahm in den Arm, kuschelte sich an ihn an grauen und kalten Tagen. Von diesen gab es viele. Selbst die Sonne schaffte es kaum, den Schmerz zu einem Lächeln zu erwärmen. Also sorgte sie sich, streichelte den Schmerz mit ihrer vollsten Aufmerksamkeit, gab ihm all das Mitgefühl, dass er brauchte. An manchen Tagen lachten sie sogar miteinander wie ein altes Ehepaar, dass auf eine lange glückliche Ehe zurückschaute. So kam es ihr zumindest vor, manchmal. Es gefiel ihr nicht, dass er sich in ihrem Leben so heimisch eingerichtet hatte und doch konnte sie es nicht lassen, für ihn da zu sein, ihn zu füttern, ihm zur Stelle zu sein. Bis neulich verstand sie nicht einmal, was sie da tat. Aber plötzlich erkannte sie, dass der Schmerz sie nur ablenken, ja ihr Sicherheit geben sollte vor all dem Glück da draußen in der großen Welt. Das große Glück, das sie hätte haben können. Genau das große Glück, das sie verletzbar gemacht hätte, das ihr weh getan hätte, ihr all das genommen hätte, das sie … . Das sie sowieso nicht hatte.

Die Wahrheit schockte. Hatte sie sich all die Jahre selbst betrogen? Den Schmerz wie eine Decke über sich gezogen, damit sie eine Ausrede hatte, sich nicht zeigen zu müssen? Was sollte dieses Affentheater. Alles erschien ihr mit einem Mal so sinnlos, so dumm. Diese ganze Zeitverschwendung für was eigentlich? Vermeintliche Sicherheit etwa? Was hatte sie sich da eingebildet? Dass der Schmerz der Weg durch alle Wunden ist? Dass der Schmerz sie heilen würde? Doch bevor es ihn gab war sie kerngesund. Was hatte sie also heilen wollen? Ihre Trägheit, die Schwermut vielleicht? Nein! Es ist Schluss! Ein für alle Mal vorbei! Der Schmerz kann bleiben, wo der Pfeffer wächst. Wo ist das eigentlich? Wen kümmerts. Naja, solange er sich nicht bei jemanden anderen verwächst, war es ihr egal. Zumindest war ihr klar, dass sie ihn loswerden musste.

Kleeblatt
Foto: Sandy Seeber, 2020

Er lässt sich nicht so einfach vertreiben. Sie hat das begriffen. Doch sie gibt ihm keine Kraft mehr. Sie lässt los, presst die Luft aus ihren Lungen, fühlt wie sich ihre Schultern entspannen. Spürt das Flattern im Magen, das sie wie eine Vorfreude zum Tanzen annimiert. Doch jetzt ist die Zeit zum Glück gekommen. Genau hier, hier auf dieser Bühne. Die Bühne ihres Lebens. Endlich hat sie verstanden, dass sie auf sich selbst hören, sich selbst begreifen, den Durchbruch für sich selbst schaffen muss. Sie lässt sie los, diese großen Erwartungen, die ihr auf die Schultern gedrückt haben mit dem letzten bisschen der Atemluft, die aus ihr herauskommt.

Sie nimmt einen weiteren Luftzug, spürt wie er kühl in sie hineinfließt, wie er ihren Körper auflädt, ihn achtsam in den Arm nimmt und wie er langsam und warm wieder aus ihr herausströmt. Das ist Leben erkennt sie. Atmen ist leben. Atmen ist sein. Atmen ist das Leben spüren. Sie spürt den Atem. Nimmt noch einen tiefen Schwall von der frischen Luft und sie spürt das Leben in ihr. Wie sich ihr Brustkorb hebt und wieder senkt. Sie spürt das Leben, ihr Leben. Sie lebt. Was ein Glück!

(c)Sandy Seeber im Oktober 2020