Sprachskizzen – ‚Plötzlich war alles still‘


img_1926‚Plötzlich war alles still.‘ Diese Tatsache leuchtete wie mit Scheinwerfern bestrahlt auf der Bühne der Finsternis, die ansonsten dick und träge auf ihr lag. Woher kam dieser Gedanke? Was machte er hier? Was machte sie hier und was war vorher? Vor dem Plötzlich? Sie suchte im Dunkel vergebens nach Anhaltspunkten. Sie erinnerte sich nicht an ein Vorher, an sich selbst oder an ein Später.

Der Gedanke kreiste wie ein Schwarm schwarzer Raben um sie herum. Spiralförmig schwirrten sie nach oben und sie folgte ihren Weg ins Nichts über ihr. Währung unter ihr die zahllosen Vögel aus einem bodenlosem Schwarz aufstiegen. Sie nahm sich selbst nicht wahr, nur den Raum, der sich unendlich um ihr Bewusstsein geschlossen hatte. Die Raben lösten sich auf in winzige Bildpunkte, die ihre Farben im Sekundentakt, vielleicht auch schneller, wechselten. Die Abgrenzungen verschwammen, die Farben wurden dunkler, wie von einem Magnet angezogen raufften sich die Punkte zusammen bis sie eine grelle Kugel formten. Sie schwebte. Dann begann sie kleiner zu werden und gleichzeitig verstärkte sich ihre Leuchtkraft. Als sie in einem winzigen Punkt zusammengezogen explodierte, breiteten sich winzige Funken in alle Richtungen aus.

‘Plötzlich war alles still’, hallte der Gedanke durch den Raum.

Ein Mädchen kicherte, die Augen unerschrocken auf den Beobachter gerichtet. Die braune Haare lagen wild über der Stirn und der liderliche Pferdeschwanz, aus denen sich bereits mehrere Strähnen gelöst hatten, schwang von einer zur anderen Seite. Ihr rotes Kleid, einfach geschnitten mit einer weißen Kordel als Gürtel, war dreckig und zerschlissen. Es schien sie nicht zu kümmern.

Jemand rief ihr nach ihr. Der Name ging im Rausch unter. Ihr Lachen erstarb. Die offenherzigen Züge des Kindes wandelten sich in eine starre undurchsichte Maske. Nur die Augen ließen die Tiefe dahinter erahnen. Den Blick suchend, drehte sie sich weg und schlich mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern davon.

In der Ferne donnerte es, dann ein Weinen. Das Wasser sprudelte aus der altmodischen Pumpe und plätschert auf das Gitter über den Abfluss bis es versiegte.

Es krachte in der Finsternis. Sie spürte wieder die Kälte, die sie mit einem winzigen Hauch streifte und sich langsam um sie wickelte. Der Frost schneite über ihr in Kristallen. Fein und klar strukturiert tanzten sie an ihr vorbei. Sie ließ sich fasziniert von der Ästhetik verführen. Keines der Eiskristalle glich einem anderen, dennoch blieb jedes in seiner Einzigartigkeit gleichsam wunderschön. Einen prachtvollen Palast könnten sie bauen, wenn sich die Kristalle nur zusammenraufen könnten. Ihr Gedanke nahm Formen an. Erst verhalten trafen sich die ersten Kristalle, dann wurden es mehr und bald bildete sich ein Fundament. Wände und Türme wuchsen in die Höhe, selbst für Fenster kamen zum Vorschein. Langsam versiegte das Rieseln von oben. Der Palast schwebte vor ihr. Tiefe Freude, die aus ihr herausbrechen wollte, sprudelte in ihrem Inneren. Doch sie konnte den Ausbruch nicht zulassen. Der Palast zerfiel in Scherben. Mit ihnen kam die Kälte zurück.

img_1928Sie suchte nach Erinnerungen. Anhaltspunkte, die ihr dabei helfen könnten, sich zu orientieren. Doch es gab weder Türen, hinter denen die Vergangenheit ihr einen Einblick gewähren könnte, noch Akten, die ihr dabei hätten helfen können, den Weg ins Leben zurückzufinden.

Sie hatte doch ein Leben, stellte sie ganz unvermittelt fest. Wie auf Knopfdruck begannen Bilder aufzublitzen. Doch sie wechselten viel zu schnell, so dass sie lediglich ein Farbenspiel erkannte. Es bildete sich eine Galerie, mit Hunderten, nein Tausenden von Bildern hintereinander, die weiter reichten, als sie sich vorstellen konnte. Einen Moment klebte sie an dem Konzept der Unendlichkeit. Wie weit reicht diese Finsternis? Konnte sie sie füllen, mit Erinnerungen, sobald sie sie gefunden hatte oder sogar mit frischen Leben, sobald sie den Weg zurückgefunden hatte? Den Weg zurück? Wohin zurück, fragte sie sich. Die Galerie schwebte an einer Stelle auseinander. In der enstandenen Gasse erschien ein roter Teppich, der sich langsam ausrollte bis er in der Ferne Stufen nach oben kletterte und schließlich in einer strahlenden Sonne endete. ‚Plötzlich war alles still‘ hallte von irgendwo her. Nun wusste sie, wohin sie gehen musste.

(c)Sandy Seeber, 2016 – veröffentlicht im Mai 2020

Alle Bilder von Sandy Seeber.

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