Wenn Angst die Kehle zuschnürt


img_0647Der Sommer hatte sich ausgebreitet. Nach ihrer Kündigung war ihr Leben ruhiger geworden. Wenige Anrufe, seltene Emails, keine nervenaufreibenden Sitzungen mehr, die in den letzten Jahren oft genug dafür gesorgt hatten, dass das Blut in Wallungen kam. Vor ihr lagen die Sommerferien, wie sie s

ie seit dem Abitur nicht mehr hatte. Endlich mal wieder Zeit für all die Dinge, von denen sie mit einem Vollzeitjob nur träumen konnte. Am Horizont blinzelte bereits ein neues Abenteuer. Noch weit weg und dennoch wusste sie, irgendwo ganz tief im Inneren, dass es richtig für sie war.

Das Meer lag vier Gehminuten von der Hauseingangstür entfernt. Mit brausender Kraft hatte es den Strand schon mehrfach umgestaltet. Alles veränderte sich immer wieder. Nichts blieb wie es war. Veränderungen hatten sie ein Leben lang begleitet, erst als sich ihre Eltern trennten, dann der Umzug, Schulwechsel, die gefallene Mauer, zwei weiterer Schulwechsel, eine Ausbildung, eine Beziehung, der Schlussstrich, die Welt. img_1682Nun lebte sie hier an diesem Ort am Meer und obwohl alle getroffenen Entscheidungen im tiefen Einklang mit ihr standen, wollte sich die Unbeschwertheit nicht einstellen.

Im Gegenteil, Gewitter krachten über die Insel. Das Meer schäumte sich. Die Wolken gossen unablässig auf die bereits ertränkte Welt. Ihr Herz schmerzte. Manchmal so stark, dass sie spürte wie Panik in ihr aufstieg. Erfolglos suchte sie im Inneren nach den Ursachen, wälzte sich des Nachts im Bett, unfähig die Augen geschlossen zu halten. Es reichte nicht, tief und ruhig zu atmen. Lau säuselte der Wind draußen, manchmal plätscherte der Regen auf das Pflaster vor dem Fenster. Dann fiel sie in einen unruhigen Schlaf, der sie durch wirre Träume jagte, aus denen sie halb aufwachte.

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Biologisch gesund, lautete der Befund. EKG normal, Blutwerte ausgezeichnet, Temperatur und Blutdruck ok. Psychosomatisch Ursache. Stress reduzieren. Sie verstand, was der Arzt ihr mitteilte. Doch die Schmerzen blieben. Tage verdunkelten sich. Das Blinzeln am Horizont verschwand. Mit ihm die Lebensfreude. Das Licht, das immer so schön geschienen hat, weil es stets mit Optimismus gespeist wurde. Dabei wollte sie doch unbefangen sein, sich ins Leben werfen und fröhlich sein. Etwas hielt sie zurück. Bedrohlich zog es ihr die Energie aus den Gliedern und ließ sie mit ihrem verwirrten Selbst zurück, allein.

Angst kannte sie kaum. Immer hatte sie sich in die Fluten gestürtzt, jeder Veränderung positiv entgegen gesehen. Niemals bereute sie eine Entscheidung. Trug sich durch die Wellen und akzeptierte, was immer sich ihr entgegen warf. Sie erkannte Potenziale und bewies große Geduld. Nur mit sich selbst rang sie einen aussichtslosen Kampf. 05ecd1c8-582b-4e2e-9c50-93f1e2cd5c9fDie weiße Flagge gehisst, stand sie ihm nun gegenüber, ihrem Selbst. Unschlüssig wartete es auf der anderen Seite, vielleicht sieben Jahre alt, die Lippe mit Daumen und Zeigefinger massierend. Es musste nicht mehr ums Überleben kämpfen, nicht mehr nach Aufmerksamkeit ringen. Sie hatte sich ihm zugewandt.

Sonnenlicht blinzelte durch die dicke Wolkendecke. Noch war das Meer weit draußen. Eine schweigende Umarmung umschloss die noch zarte Einheit. Blätter spielten mit der sommerlichen Brise. Tropfen vermischten sich mit Sand. Sie spürte den Klumpen in der Kehle, die Angst. Beinahe hätte sie das Wichtigste geopfert. Sich selbst.

(c)Sandy Seeber, 2016 – veröffentlicht im April 2020

Alle Fotos von Sandy Seeber.

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