Sprachskizzen – „The Sunshade“ Leech


Wahrnehmungen

Lange Finger halten den grünen Schirm als wäre er ein filigranes Musikinstrument. Wie Hoffnung liegt er auf der rechten Schulter der Sonne entgegen gerichtet. Sehnsüchtig blickt sie in die eigene Unendlichkeit, viel weiter als Augen jemals zu blicken vermögen. Wovon träumt sie?

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Wilhelm John Leech – The Sunshade (Foto von einer Postkarte)

Stolz liegt in ihrer Haltung, Plicht und Disziplin. Das erhobene Haupt schaut nach rechts und lässt ihren Hals knorrig wirken. Die Lippen aufeinandergepresst. Die Bluse, versteckt unter einer Grün schimmernden Jacke, wie ein Männerhemd nach der Arbeit leger geöffnet. Das dunkle Haar versteckt unter einem lilafarbenen Hut. Nein, sie erlaubt sie sich keiner Schwäche. Die Bäume hinter ihr, das Grün, das Paradies abgeschirmt als wäre es nicht für sie bestimmt. Ordentlich spannt das zehnteilige Gestell das grüne Dach. Es mag sie vor der Sonne schützen, aber vielmehr gibt es ihr Halt, hilft ihr, das Leben mit Stärke zu begegnen.

Der rechte Daumen auf den Stock gepresst. Der von ihm weg gespreizte kleine Finger streckt sich nach dem linken Zeigefinger aus. Zaghaft erwidert dieser die Berührung, während die anderen Finger der linken Hand sich um den Schaft winden. Würden sie vielleicht lieber eine Melodie zum Leben erwecken, auf den Tasten eines Akkordeons tanzen, einer Flöte Leben einhauchen oder die Tasten eines Klaviers zum Klingen erbringen als hier zu posieren?

Das Licht bereits weich geworden, ein Entschluss gefasst, vielleicht ein Versprechen, dass sie eines Tages auch ihr Paradies finden wird.

Zum Bild Hintergrund

Wilhelm John Leech (1881-1961) war ein irischer Maler. „The Sunshade“ zeigt ein Porträt seiner Frau, der Malerin Saurin Elizabeth née Smith. Das Gemälde ist ausgestellt in der National Gallery Ireland in Dublin. Weitere Info (in englisch) gibt es hier.

Sprachskizzen

Ein Maler fertigt Skizzen an in der Vorbereitung für das nächste Gemälde. Ein Musiker probiert neue Melodien und verwirft sie wieder. Ich versuche mich an Sprachskizzen so wie diese hier. Ein Bild flüchtig wahrgenommen mag wenig transportieren, vielleicht gerade einmal eine Reflektion der Dinge, die uns gerade bewegen. Doch wenn wir genauer schauen, entdecken wir Einzelheiten, die uns zuvor verborgen geblieben waren. Diese Einzelheiten machen das Ergebnis bemerkenswert, da sie zwar von uns kaum wahrgenommen  werden,  in der Betrachtung des Ganzen jedoch einen wichtigen Beitrag leisten. Vielleicht ein bisschen zu vergleichen mit der derzeitigen Situation, in der jeder Einzelne einen wichtigen Beitrag leisten kann, die Krise zu bewältigen, ohne als Individum öffentlich wahrgenommen zu werden.

Bis bald,

Sandy Seeber

©Sandy Seeber, im April 2020