Im Frühling sterben – Roman von Ralf Rothmann


Warum dieses Buch?

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Bucheinband abfotografiert: Sandy Seeber, August 2015

Der Beitrag von brasch & buch mit dem Titel Im Frühling sterben. Das ist Literatur für die Jugend! hat mich neugierig gemacht auf diese Empfehlung, der ich als Jugendliche schon aufgrund des Klappentextes wohl kaum gefolgt wäre. Damals hing mir das gefühlt ständige Hinweisen auf die grausamen Geschehnisse des zweiten Weltkriegs zum Halse heraus. Reportagen, Filme, Bücher und der Geschichtsunterricht halfen dabei, mich unfreiwillig in regelmäßigen viel zu kurzen Abständen mit unserer schrecklichen Vergangenheit auseinandersetzen zu müssen. Die Konfrontation blieb aus, da ich mich lieber mit dem Sinn oder Unsinn des ständigen Aufwühlens eines Tümpels befasste, in dem das Wasser nie eine Chance bekam sich zu setzen, um den folgenden Generationen einen klaren Blick auf den Grund gewähren zu können. Also wagte ich es, Ignoranz zu üben, die mich erst aufklärte, dann meine Wunden heilte und mich stärkte bis zu dem Moment, in dem ich ohne Schuld auf den Grund schauen konnte, der so viele lehrreichen Geschichten bereit hält.

Eine solche ist auch „Im Frühling sterben“. Genauso wie „Honigtot“ oder „Die Bücherdiebin*“ berichtet sie von Einzelschicksalen, die so oder so ähnlich passiert sein könnten, erzählt von Menschen, die in einer unmöglichen Zeit lebten, in der sie sich den Luxus von freien Entscheidungen nicht erlauben durften und reflektiert den Wahnsinn, der sich so weit weg anfühlt und dennoch viel zu oft auch heute allgegenwärtig ist.

Über den Inhalt

Der Melker Walter und sein bester Freund Fiete werden kurz vor Ende des Krieges eingezogen und nach einer kurzen Ausbildung Richtung Front nach Ungarn geschickt. Während Walter sich den Umständen so gut wie möglich anpasst, versucht Fiete der aufgezwungenen Pflicht zu entkommen. Am Ende hofft Walter, dass in seinem Karabiner, den nun er gezwungenermaßen auf den Freund richtet, nur eine Platzpatrone steckt.

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Mein Fazit: *****Ein starker Roman!

Das ist Literatur für die Jugend. Hierbei stimme ich mit brasch & buch überein. Ralf Rothmann zeichnet das Bild von zwei Siebzehnjährigen, die völlig unterschiedlich auf die aufgezwungene Pflicht reagierten und schließlich die Konsequenzen ihrer Handlungen und Entscheidungen tragen mussten. Dabei erwacht die Natur trotz dröhnenden Bombern und zerstörten Dörfern langsam in das neue Jahr, in den Frühling genauer gesagt.

Die Leser begleiten Walter, dessen Gedanken nur in den wenigen Briefen an seine Schwester oder an Liesel zum Ausdruck kommen. Sie fühlen mit ihm, wenn es brenzlig wird und kämpfen gegen die Ohnmacht, wenn es keinen Ausweg gibt. Der Autor versteht es, den Konflikt seines Protagonisten zu übertragen auf die Leser, die sich unweigerlich konfrontiert sehen, mit einer Entscheidung, deren Tragweite sie nicht überblicken wollen, selbst dann nicht, wenn sie dazu in der Lage wären. Genau aus diesem Grund ist das 234 Seiten starke Buch Literatur für die Jugend – nicht weil es ein Antikriegsroman ist, sondern weil es den jugendlichen Leser dazu auffordert, sich der Konsequenzen seiner Entscheidungen bewusst zu werden.

Mein Fazit: Ein starker Roman!

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Im Frühling sterben von Ralf Rothmann ist bei Suhrkamp erschienen und erhältlich bei Amazon.de als

Kindle Version*, Gebundene Ausgabe*, Hörbuch-Download*, Hörbuch Audio CDs*

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Bis bald, Ihre  Sandy Seeber

© Sandy Seeber, August 2015

Rezensionen zum Buch unter anderen bei:

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5 Kommentare

  1. Es ist zudem aber auch noch ein Buch mit einem ungemein kraftvollen und doch leisen Stil, voller Sprachbilder, die nie aufdringlich oder gewollt sind, und ganz besonders ohne jede Selbstverliebtheit in die eigene so großartige Fähigkeit zu schreiben. Solche Bücher zeigen, dass diese Zeit eben doch noch icht „auserwählt“ ist.

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  2. Ich war enttäuscht von dem Roman „Im Frühling sterben“. Ralf Rothmann kann schreiben, das steht außer Frage. Wir aber als Angehörige der Nachkriegsgeneration, der ich auch angehöre, sollten uns endlich von dem Klischee der ernstzunehmenden Literatur über die Zeit des Nationalsozialismus lösen: Bestialische Täter, arme Opfer und auch die Täter zu Protagonisten machen. Unsere Eltern und Großeltern waren keine Bestien und dennoch haben sie ein System mitgetragen, das Menschen zu unendlicher Grausamkeit fähig gemacht hat. R. Rothmanns Protagonisten sind wie üblich Opfer, obgleich sie Soldaten der Waffen-SS waren. Dabei hat es gerade diese Militäreinheit verstanden, ihre Mitglieder durch eine tiefe Kameradschaft an sich zu binden. Diese, verbunden mit der Ideologie der Überlegenheit der „arischen Rasse“ war zusammen mit der besseren materiellen Ausstattung sowohl für die militärischen Erfolge als auch für die beispiellose Brutalität dieser Truppe verantwortlich. Warum hat der ALTE G. Grass sich nie wirklich zu seiner SS-Vergangenheit bekannt? Warum hat ein Horst Tappert über Jahrzehnte seine SS-Insignien behalten und sie erst dann einem ehemaligen SS-Kameraden übergeben? Nichts von der Faszination des Nationalsozialismus erscheint in dem Roman, nichts erklärt, was geschehen ist. Im Gegenteil müssen die Soldaten der gleichen Stube einen Kameraden erschießen. Das hätte jeder Fürsorge widersprochen, die die SS sehr wohl gegen die eigenen Leute – und nur gegen die – hat walten lassen.
    Meiner Ansicht nach hat Ralf Rothmann mit diesem Roman eine riesige Chance vergeben. Unsere Aufgabe ist es, endlich zu verstehen, was geschehen ist, denn nur daraus lernen wir. Dafür dürfen wir die Tätergeneration nicht ausblenden und schon gar nicht, sie selbst zu Opfern machen.

    OK, jetzt will ich noch etwas Selbstkritisches anmerken. Ich bin nur neidisch. Ich habe mich der Generation meines Vaters gewidmet und einen Roman, „Nur der Tod vergisst“, beim G.Braun-Buchverlag Karlsruhe veröffentlichen dürfen, in dem ein ideologisch überzeugter SS-Mann der Protagonist ist und schuldig wird. Leider blieb meinem Roman der Erfolg versagt. Also bin ich neidisch 😦 und schäme mich meiner Kritik an „Im Frühling sterben“ 😉

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    • Ich bin 77 geboren. In der Schule habe ich jedes Jahr aufs neue gelernt wie grausam unsere Vorväter gewesen sind. Ehrlich; bei mir hat das Ablehnung hervorgerufen, zum Thema 2.Weltkrieg, zum Schuldbekenntnis unserer Nation und zu jeglichen Bezugnahmen. Erst in den letzten Jahren habe ich mich dazu aufgeschlossen, die Geschichten hinter der in der Schule gelehrten Geschichte zu lesen. Honigtot von Hanni Münzer oder auch Die Buchdiebin von Markus Zusak sind Bücher aus der Zeit des 2. Weltkrieges, die mich berührten. Nicht weil es um Schuld oder Unschuld, um Opfer oder Täter geht, sondern weil persönliche Konflikte zum Tragen kommen, die wenn natürlich unter anderen Bedingungen auch heute zum Alltag gehören. ‚Im Frühling‘ sterben zeigt auf, welche Konsequenzen eine persönliche Entscheidung mit sich bringen kann. Wie oft treffen wir auch heute Entscheidungen, deren Konsequenzen vielleicht nicht tödlich sind, dafür aber möglicherweise ein Leben lang quälen können.

      Ihr Roman wurde veröffentlicht, das allein ist schon ein Erfolg! Und Kritik und Meinung darf jeder haben, aus welchem Grund auch immer. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg beim Schreiben.
      Herzliche Grüße
      Sandy

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