Keep behind the line – Bleiben Sie hinter der Linie


Hinter welcher Linie?, werden Sie fragen. Vielleicht wundern sie sich auch warum dahinter und nicht davor. Möglicherweise fragen Sie auch nach dem Warum. Doch in den meisten Fällen tun wir Menschen genau das, was uns gesagt wird, wir bleiben hinter der Linie. Wir beugen uns einer Aufforderung, die uns im Alltag so oft begegnet, dass wir sie kaum mehr wahrnehmen. Vielmehr noch ist sie so tief in unserem Bewusstsein verankert, dass die einfache Linie am Boden bereits eine solche Autorität ausstrahlt, dass wir oft gar nicht anders können als ihr Folge zu leisten.

©Sandy Seeber, 2014
©Sandy Seeber, 2014

Manchmal wünsche ich mir wie eine solche Linie zu sein, an der Menschen halt machen, anstatt über mich hinweg zu trampeln. Manchmal hoffe ich jedoch auch, dass ich nicht wie diese Linie nur noch unbewusst wahrgenommen werde. Ich möchte diese Linie sein, die leichtfüßig auf der Grenze zwischen Wahrnehmung und Respekt balanciert. Die Linie, die jeder achtet und dennoch unbehelligt ihre eigenen Ziele verfolgt.

Die Linie wurde zur Mauer

Früher war das anders. Damals wollte ich diese Linie überschreiten, mich nicht an ihre Grenze halten. Immer dann wenn sie sich mir entgegenstellte, begegnete ich ihr wie einem Feind, dessen einzige Motivation war, mir den Weg zu verbauen. Diese Ansicht ließ die Linie zu einer Mauer werden, die bei jedem einzelnen meiner Versuche, sie durch zu durchbrechen, nur noch stärker und größer wurde. Meine Hartnäckigkeit jedoch blendete so stark, dass diese Wand, vor die ich unaufhörlich weiter rannte, für mich unsichtbar blieb.

Irgendwann, tief verletzt, wusste die Motivation nicht einmal, warum diese Linie störte, nur noch das sie es tat. ‘Bleiben Sie hinter der Linie’ wurde für mich ein inakzeptables Konzept, das in jedem Fall bekämpft werden musst. Doch musste es das tatsächlich?

Rückzug produzierte neue Stärke

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©Sandy Seeber, 2015

Erst nachdem ich kaum noch Kraft zum Kämpfen hatte, klärte sich der Nebel auf. Nach und nach, verflüchtigten sich auch die Wolken und die Mauer, unendlich hoch und meterdick, erschien klar und deutlich genau vor mir. Drohend schien sie mit jedem einzelnem Bestandteil zu rufen: “Bleiben Sie hinter der Linie.” Ich zuckte zusammen und schob mich ehrfürchtig schob nach hinten. Und als ich weit genug von ihr entfernt war, schenkte ich der Entfernung zur Mauer noch ein paar weitere Meter, nur zur Sicherheit. Der neue Ort verhalf mir zu neuem Frieden. Endlich durften meine Lungen wieder Freiheit atmen. Mein zerschundener Körper leckte seine Wunden, die langsam zu heilen begannen. Der Rückzug produzierte neue Stärke.

Linien wiesen den Weg

Unbekümmert verweilte ich unter blauen Himmel, sonnte mich im Paradies bis schließlich eine bohrende Langeweile mich zum Aufbruch antrieb. Ich raffte mich auf und schaute mich um. Die Wand stand immer noch bedrohlich vor mir, sie war gerade mal einen ganzen Meter breit. Dahinter konnte ich die Berge sehen, die ich einst so gern erklommen hätte. Ich wunderte mich, ob die Mauer mir das verübeln würde, wenn ich um sie herum ginge und machte mich, nachdem ich keine Antwort bekam, auf den Weg. Vorsichtig schaute ich auf die Linien, die mir meine Grenzen, aber auch die der anderen aufzeigten. Bald erkannte ich, dass diese Linien auch den Weg wiesen, der mich schließlich sicher auf die andere Seite führte. Dort angekommen suchte ich die Mauer, die lange meinen Weg blockierte. Doch alles was ich sehen konnte, war eine Linie, die mir ganz klar und deutlich zeigte, dass der Durchgang an dieser Stelle nicht möglich war.

Ziel voller Energie erreichen

“Keep behind the line – Bleiben Sie hinter der Linie!” Eine Aufforderung, die Leben retten kann, wenn man auf einem Bahnsteig steht und ein Zug durch den Bahnhof rauscht. Aber auch eine Aufforderung, sich an ihr zu orientieren, um ein Ziel zu erreichen. Der Weg mag durch solche Aufforderungen ein ganzes Stück länger erscheinen, dafür gewinnt man jedoch an wundervollen Erfahrungen, begegnet interessanten Menschen und erreicht voller Energie die Pforte am Ziel.

Ja, ich möchte diese Linie sein, für mich und auch für andere genauso wie ich diese Linie in denen sehe, die mir begegnen. Ein schönes Ziel, glauben Sie nicht auch?

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©Sandy Seeber, April 2015

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3 Kommentare

  1. Wecker im Kopf

    „Leben will ich mit Ekstase,
    euch die frohe Botschaft künden:
    all ihr Menschen auf der Straße
    könnt sie in euch selber finden!

    Doch zur wahren Lebensfreude
    kommst du ohne Drogen nur;
    spreng die Ketten hier und heute
    und erleb die Wahrheit pur!

    Ist dein Leben denn erfüllt?
    Kannst du vor dir selbst bestehen?
    Kannst du deinem Spiegelbild
    wirklich noch ins Auge sehen?

    Kannst du denn die Wahrheit sagen
    oder kneifst du ein den Schwanz,
    wenn die Leute dich befragen:
    „Leben Sie so voll und ganz?“

    Läßt du dein inn´res Kind frohlocken,
    wo und wie es irgend geht?
    Oder muß es in der Ecke hocken,
    wo es traurig Däumchen dreht?

    Wenn es sein muß, schrei die Mauern
    nieder, die dein Kerker sind!
    Laß die Andern ruhig erschauern,
    wenn sie sehn dein inn´res Kind!

    Laß es tanzen, laß es spielen,
    laß es alle Leute küssen!
    Lös´ die Bremsen, diese vielen!
    Laß es die ganze Menschheit wissen,

    Welche Weisheit in dir steckt!
    Lüfte deiner Seele Schleier,
    zeige, was so lang verdeckt
    und sei ein ew´ges Freudenfeuer!

    Lang genug hat deine Seele
    Blind im Dunkeln ´rumgetastet.
    Jetzt füllen Lieder deine Kehle
    Und die Schultern sind entlastet.

    Jetzt kannst du endlich mit Ekstase
    allen deine Botschaft künden:
    „All ihr Leute auf der Straße
    könnt es in euch selber finden!“

    * Verdichtetes von Karl Scherer

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