Angekommen


Manchmal muss man erst durch die weite Welt wandern, um auch tatsächlich da anzukommen, wo man bereits die ganze Zeit verweilt. Kennen Sie das Gefühl, das einem frisch und munter immer wieder vorgaukelt, dass die eigenen Errungenschaften nichts im Vergleich zu den Erfolgen anderer sind? Möchten Sie nicht auch manchmal einfach alles hinschmeißen, um ein besseres Leben zu leben?

Foto: Sandy Seeber 2015
Foto: Sandy Seeber 2015

Viel zu lange ging es mir genau so. Das Gefühl, das mehr und mehr wollte, ließ sich nicht abschütteln bis zu dem Punkt, an dem ich es schließlich zu mögen begann. Dieser Moment stellte sich als ein aufregender Wendepunkt in meinem Leben dar. Mit dem Einlassen auf dieses unbändige Mehr-Wollen kam der Mut, der sich durch das frühlingshafte Aufkeimen einer nimmersatten Neugier von Tag zu Tag stärkte bis zu dem Augenblick, an dem alles Vergangene bis ins Unsichtbare verblasste und damit auch die Angst.

Ein Tor öffnete sich in eine mir bislang unbekannte Welt, die sich meiner Kühnheit mit offenen Armen entgegenstreckte. Jede Erfahrung sog ich in mich hinein, labte von ihnen bis zu dem Punkt an dem sich Ereignissen zu gleichen begannen und sich das Gefühl wieder meldete, dieses mal mit einer anderen Botschaft: Es muss doch noch etwas anderes geben.

Wie ein Unkraut wuchs die Unzufriedenheit in mir. Selbst schwerste Geschütze im Kampf gegen diese raubende Gewissheit, dass ich noch immer nicht genug hatte, von was auch immer, konnten nichts ausrichten. Also wagte ich einen weiteren Schritt in die nächste Sphäre. Die ermüdete Neugier erwachte erneut voller Elan und begann mit kindlichem Interesse nach und nach die Weiten der unbewussten Welt zu entdecken.  Immer tiefer zerrte mich die Dunkelheit in die Kälte und mit ihr kam der nagende Zweifel.

Foto: Sandy Seeber, 2014

Er zerrte an allem was ich war, an meinem Aussehen, an meinen Talenten, an meinem Wissen und an allem, was ich glaubte bis er mich beinahe zerfressen hatte. Und wieder glühte das Irrlicht flackernd auf und flüsterte mir ins Gewissen: Das kann es noch nicht gewesen sein. 

Die Reise zurück war voller Lasten. Schwerfällig ließ ich mich ziehen, von diesem einst so trügendem Gefühl. Der Mut und mit ihm die Kraft hatten mich längst verlassen. Nur Vertrauen konnte mir die Hoffnung leihen, die ich so bitter nötig hatte. Langsam taute der Schnee um mich herum, die Eiszapfen verloren an Schärfe und die frühen Knospen einer neuen Liebe zeigten sich am Wegesrand. Ich wässerte sie mit Glauben und bald beruhigte sich das nimmersatte Gefühl und schrieb mir auf die Stirn: Nun bist du angekommen.

Sandy Seeber, Januar 2015 

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