Die Verwandlung – Franz Kafka überrascht


Die Verwandlung – Franz Kafka überrascht

Franz Kafka
Bild mit Link zu einer Ausgabe auf amazon.de

Lange habe ich mit der Absicht gerungen, mir auch endlich einmal Kafkas Verwandlung zur Gemüte zu führen. Oft habe ich gelesen oder gehört wie depressiv  und teilweise auch verwirrend Kafkas Werke sind. Gründe genug, zumindestens für mich, sein Material immer wieder auf ein unbekanntes Morgen zu verschieben. Schließlich las ich gestern auf einem der Blogs, denen ich folge, ein Interview mit Fräulein Immerglück mit dem Titel: „Lesen und gelesen werden„. Bei der Frage nach dem Buch, das selbst nach dem dritten Lesen nicht langweilig wird, antwortet die Bloggerin: „„Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera und „Die Verwandlung” von Franz Kafka zum Beispiel.“ (Zitat aus dem Interview).

Plötzlich fiel mir die Kafka Ausgabe ein, die ich auf einem Flohmarkt vor ca. sechs Monaten günstig erstanden habe und sich in meinem Bücherregal bislang mit dem Verstauben auseinandersetzen musste. Kurzentschlossen zog ich „Die Verwandlung“ aus seiner Misere und begann zu lesen. Was dann geschah, veranlasste mich dazu, diesen Beitrag zu schreiben.

Ich sitze also da und beginne, zwischen dem Zubreiten des Abendessens, mit dem Lesen des Heftes in meiner Hand. Schon auf den ersten Seiten erkenne ich die Genialität dieser Geschichte und komme staunend in ihr an. Mein Essen, das im Ofen vor sich her brutzelt, braucht zum Glück keine ungeteilte Aufmerksamkeit. Das gibt mir also genug Freiheit, mich immer tiefer in Gregors Gedanken zu bohren. Obwohl ich bisweilen, meinen Leseappetit zügeln muss, um zumindest sicher zu gehen, dass das Abendessen auch genießbar bleibt, hat mich „Die Verwandlung“ fest im Griff. Mitten in der Erzählung der Bruch, Essen ist fertig. Beinahe eifersüchtig auf den Tisch, auf dem das Buch nun liegt, wende ich mich nur halb interessiert der Speise zu. Auch nach dem Abendmahl bleibt „Die Verwandlung“, immer noch unberührt auf dem Tisch liegend, als eine bohrend stille Sehnsucht, mit einem faden Geschmack der Neugier, in mir am Glühen.

Heute endlich nehme ich mir die Zeit, um die Glut zu schüren. Das dünne Buch strahlt mir freudig entgegen. War es vor dem gestrigen Abend auch schon so auffallend gewesen? Ich tauche ab in die Welt von Gregor und erfühle mit ihm in seiner Hilflosigkeit den stummen Wunsch nach Anerkennung und Beachtung. Tief in mir löst sich ein schwerer Brocken, der sich mir als Irrglauben offenbart, um sich dann im Nichts aufzulösen. Endlich spüre ich den Frieden, dem ich intellektuell so lange hinterhergelaufen bin, ohne tatsächlich zu verstehen, was ich eigentlich wollte. Mit der Ruhe in mir kommt der letzte Atemzug von Gregor und ich weiß nun, dass es sich gelohnt hat, der spontanen Idee zu folgen und mich voll und ganz auf diese „Verwandlung“ einzulassen.

Diese Erzählung hat mich tief berührt und ist für mich um so viel klarer als das Material, das ich bislang zu Themen der Persönlichkeitentwicklung verschlungen habe. Analysen interessieren mich dabei nicht, es geht mir einfach und allein um die Tiefe, in der mich „Die Verwandlung“ tatsächlich berührt hat.

In diesem Sinne danke ich dem Blog von Alexander Fischer und seinem Interview mit Fräulein Immerglück für diese befreiende Inspiration.

(C) Sandy Seeber, May 2014

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